Der Sonntagsausflug

Erinnerungen von Marius Barbu

Gerne denke ich an jene Zeit zurück, als ich, ein Kind noch, mich an kleinen und unbedeutenden Dingen und Erlebnissen erfreuen konnte wie an unseren ungeduldig erwarteten Sonntagsausflügen.
Sobald am Sonntagmorgen die Sonnenstrahlen auf den bewaldeten Triglovetzhang fielen, erschienen die Kinder des Viertels vom Trägerdepot bis zur Budinic bei uns zu Hause, von ihren Müttern mit Tagesproviant wohlversorgt, um unter der Aufsicht meiner Mutter einen Ausflug zu machen. Ob Gerti und Gerlinde, Gertrud und Fredi oder Bruno und Arthur, sie alle waren neugierig, wohin es diesmal gehen sollte.
Eines unserer beliebten Ausflugsziele war der Capu Basch, die höchste Erhebung des dritten Ponor. Unser Weg führte durch das alte Stadtviertel Stavila, vorbei am Eingang zum Baschowitzer Graben, wo sich mit einem Jungen aus der Hartmann-Sippe ein letzter Teilnehmer unserer kleinen Gruppe anschloß. Und weiter ging's im Gänsemarsch auf der schattigen Landstraße bersauaufwärts bis zum Minda. Dort bogen wir auf die alte StEG-Straße ab, die nach Anina führt und die wir als U.D.R.-Weg kannten. Die Straße steigt, den Windungen des Berghangs folgend, allmählich an. Zur Linken fällt der bewaldete Hang steil ab ins Sodoler Tal mit seiner Höhle und dem munter plätschernden Bächlein gleichen Namens. Buchen und Eichen spenden dem Wanderer Schatten, am Wegrand wuchern Haselnuß- und Hollerbüsche. Die Straße wurde damals kaum mehr befahren, und so durchdrangen nur Vogelgezwitscher und unsere fröhlichen Stimmen die Stille des Sommermorgens. Und doch konnte man in dieser Abgeschiedenheit wahre Abenteuer erleben! Zum Beispiel die Begegnung mit einer Schlange. Reglos lag sie zusammengekringelt auf einem Baumstumpf in der Sonne. Ihre Augen blickten starr, als wollte sie uns hypnotisieren. Die Neugierde hielt uns wie gebannt fest, die Angst hielt uns auf Abstand. Nur Gerti, der Mutige, suchte nach einem passenden Ast, knickte ihn zurecht, so daß er mit der Gabelung am Astende die Schlange festhalten konnte, um ihr mit einem Stein den Gnadenstoß zu versetzen und sie so ungefährlich zu machen. Stolz auf seine Geschicklichkeit und seinen Mut, zeigte er uns das V auf dem Kopf der Schlange und erklärte uns, daß man daran eine Hornviper erkenne, deren Gift äußerst gefährlich sei. Die Viper, vornehmlich in Gegenden mit Kalkgestein zu finden, kommt in der Prolas besonders häufig vor.
Wir setzten unseren Weg fort, atmeten die würzige Waldluft ein und den Duft der Holunderblüten, bewunderten die kleinen Waldblumen. Unseren Durst löschten wir an einer Quelle, einem Bründl am Wegrand, ehe wir die Anhöhe erreichten, die man Capu Basch nennt.

Zwei Salasche stehen auf der großen, vom Waldrand umsäumten Wiese des Gapu Basch. Sie gehören Dorfbewohnern aus dem nahegelegenen Iabalcea, einer alten Siedlung, gegründet im 16. Jh. von katholischen Slawen, die von ihren orthodoxen Stammesbrüdern aus Serbien und Bulgarien vertrieben worden waren. Waldhaus ComarnicDie Hirten boten uns gegen ein geringes Entgelt auf zwei Holztellern riesige Portionen dampfender Mamaliga an. Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen. Mit frischem Rahm und Topfen und mit auf offenem Feuer gegrillten Wurst- und Speckscheiben war dies ein köstliches Mal.
Nach Pilzen zu suchen gehörte zum "Programm" unserer Ausflüge. So lernten wir unter Mutters Anleitung nach und nach die eßbaren Pilze von den giftigen zu unterscheiden. Ich erinnere mich noch heute daran, daß der giftigsten einer mich mit seinem stolzen Wuchs, seinem großen roten Schirm und den weißen Tupfen darauf geradezu magisch anzog. Im Volksmund hatte ihm seine Schönheit den Namen "Kaiser-Pilz" eingebracht. Doch zugleich empfand ich bei seinem Anblick Scheu, und ich hütete mich davor, ihn auch nur anzufassen, hatte man mich doch immer gewarnt, daß sein Gift tödlich wirkt. Jahre später sollte mein Freund Stefan (Pitiu) Cadariu Opfer einer Pilzvergiftung werden, weil er die Gefahr, die vom Kaiser-Pilz ausging, mißachtet hatte. Am späten Nachmittag, wenn die Sonne bereits tief im Westen stand und den Horizont in ein gelblich-rötliches Licht tauchte, machten wir uns auf den Heimweg. Meist wählten wir dazu den ,,Autoweg", der am Domaner Kreuz vorbei führt und den wir bald verließen, um auf einem der Fußwege über den Triglovetz hinabzusteigen in die Stadt im Tal der Bersau.
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