1966 erschien im Grazer Wochenblatt ,,Neuland" ein Interview mit Franz
Kontur Den gebürtigen Steierdorfer hatte es bei Kriegsende in die
Steiermark verschlagen, wo er ein neues Zuhause fand und viele Jahre als
Lehrer zuletzt als Schuldirektor in Graz tätig war Die Liebe zu seiner
Banater Berglandheimat aber lebt noch heute in seinem Herzen. Sie bewog
ihn, des öfteren in österreichischen Zeitungen, aber auch in
unserem Verbandsblatt Beiträge über seine alte Heimat zu veröffentlichen,
um sie einerseits den Bürgern seiner neuen Heimat vorzustellen und
um andererseits sein Wissen an uns weiterzugeben.
1998 feiert Steierdorf 225 Jahre seit seiner Gründung. Es hat
sich manches verändert seit 1966. Die folgenden Jahre haben einige
von Konturs damaligen Aussagen widerlegt Aber das, was er über seinen
Heimatort sagt, wie es einmal war interessiert auch heute noch, denn es
ist Teil unserer Geschichte, unserer Identität Sein Lebenslauf ist
der Beweis, daß Integration in der neuen Heimat gelingen kann, ohne
die alte Heimat zu verleugnen. Und seine Worte über das Zusammenleben
der Menschen und Völker sind heute noch genau so aktuell wie damals.
Aus Anlaß der Jubiläumsfeier in Steierdorf veröffentlichen wir das etwas gekürztes Interview aus der Wochenzeitung „Neuland“.
Der Begriff ,,Donauschwabe" ist vieldeutig und von der Herkunftsforschung nicht einfach auf einen Nenner zu bringen. Von den Herkunftsgebieten aus betrachtet, müßte man eigentlich von ,,Donaupfälzern", ,,Donaubayern", ,,Donauelsässern" und, um auf das Thema unseres Interviews zu kommen, von ,,Donausteirern" sprechen. Mit einem Kenner dieser donauschwäbischen Gruppe, die vor allem im Industriegebiet des rumänischen Banats mit dem Zentrum Reschitza seßhaft geworden ist, Franz Kontur, haben wir ein angeregtes Gespräch geführt, das uns einiges über diese bisher im ,,Neuland" wenig zu Wort gekommene Gruppe vermittelt... Die Besonderheit der Gruppe, über deren Probleme Landsmann Kontur zu sprechen kommt, liegt auch darin, daß es sich bei den ,,Donausteirern" um eine ganz andere soziologische Struktur handelt als bei den bäuerlichen Donauschwaben. Die Donausteirer im Banat waren und sind heute noch Bergleute und Holzfäller, sie sind schon von dieser Situation her, ganz abgesehen von ihrer steirischen Herkunft, in manchem ethnisch und soziologisch ganz anders geprägt.
Herr Kontur wir haben erst kürzlich im ,,Neuland" mit großer
Freude ein Bericht über die Begegnung der Landsleute aus Steierdorf-Anina
in Grundlsee im steirischen Salzkammergut veröffentlicht. Gerade über
diese Gruppe ist im ,,Neuland" noch nicht allzu viel berichtet worden,
so daß wir gerne die Gelegenheit wahrnehmen, mit Ihnen über
die besonderen Anliegen dieser Menschen zu sprechen.
Dafür, daß Sie meinen Bericht über die Begegnung der
Landsleute aus Steierdorf-Anina und Umgebung in Grundlsee veröffentlichten,
möchte ich herzlich danken. Die Freude unter unseren Landsleuten ist
jedesmal groß, wenn über unsere Heimat irgendwo irgendwer etwas
berichtet.
Sie meinen, daß man im Falle unserer engeren Landsleute von ,,Donausteirern"
und nicht von ,,Donauschwaben" sprechen
müßte. Ich finde weder die eine noch die andere Bezeichnung
zutreffend. Vielmehr stehe ich auf dem Standpunkt, daß die Bezeichnung
,,Steirer
aus dem Banater Bergland" sinngemäßer wäre, da wir schon
unserer Abstammung nach ein ausgesprochenes Bergvolk sind, denn unsere
Vorfahren, die ersten Siedler, kamen um 1770 aus den österreichischen
Alpenländern. Der Siedlungsauftrag unserer Vorfahren lag nicht in
der Erschließung und Urbarmachung versumpften Bodens in der Banater
Ebene etwa, wie er zum Beispiel den Schwaben erteilt worden war, sondern
im Fällen von Bäumen und später dann in der Schürfung
von Bodenschätzen, wie etwa der ausgezeichneten Glanzkohle im Gebiet
von Anina. Unsere Volksgruppe war daher stets mit dem Wald, mit dem Bergland
und mit seinen Schätzen aufs engste verbunden.
Es
wird uns auch eine ausgesprochene Heimat- und Berufstreue nachgesagt. Obwohl
die Arbeit des Bergmannes und des Holzfällers sicherlich zu den schwersten
Berufen zu zählen sind, verließen die Kinder eben dieser Berufsgruppen
Schacht und Wald nicht, sondern fuhren als Bergleute in die Gruben und
als Holzfäller in den Wald, um dem Berg die Kohle und dem Wald das
Holz abzuringen.
Zur Geschichte der Banater in Steierdorf-Anina hat auch Direktor Franz Hollwöger aus Bad Aussee manch wertvolle Hinweise gegeben. Können Sie uns Näheres über seine heimatkundlichen Arbeiten berichten?
Direktor Franz Hollwöger hat in seinem Buch, das sich mit der Geschichte von Aussee befaßt, unter anderem auch darauf hingewiesen, daß einige Familien aus dem Gaiswinkel (einem Ort in der unmittelbaren Nähe von Grundlsee) gegen Ende des 18. Jahrhunderts in das Gebiet des Banater Berglandes ausgesiedelt sind und vor allem auch den Familiennamen Gaiswinkler, weil eben aus dieser Gegend stammend, trugen. Im weiteren wies der Verfasser darauf hin, daß mehrere Familien auch aus dem heutigen Gebiet des oberen Ennstales um Schladming herum dem Rufe der Aus- und Neuansiedlung Folge leisteten.
Ist der Typus des Bergarbeiters wesentlich verschieden von dem Flachlandbauern, und könnten Sie sehe Besonderheit kennzeichnen?
Der Bergmann ist ein Typus, der von seiner schweren und vor allem auch
gefahrvollen Arbeit im Berg geprägt ist. Er ist der Kamerad, der immer
bereit ist, sein Leben einzusetzen, wenn es notwendig ist. Solche Beweise
hat der Bergmann im tiefen Schacht, in dem unvorhergesehene Gefahren ständig
auf ihn lauern, gar oft zu erbringen. Und hat einem Bergmann das letzte
Stündlein geschlagen, dann ist es ergreifend, mitanzusehen, wie die
Kameraden in Bergmannstracht ausrücken, um ihm das letzte ,,Glück
auf!" ins Grab nachzurufen. Das Grubenlicht in der Hand haltend, stehen
sie stumm und ergriffen da, wenn die Knappenkapelle das Bergmannslied ,,Und
wieder tönt's vom Schachte her..." intoniert. Als kleiner Ministrant
hatte ich oft Gelegenheit, bei Begräbnissen verunglückter Bergleute
Augenzeuge solch letzter Grubenfahrt zu sein. Erschütternd war die
letzte Grubenfahrt von fast hundert Bergleuten, die am 7. Juni 1920 durch
,,Schlagenden Wetter" verunglückten. Es wurde damals in Sigismund
ein eigener Friedhof mit einem großen Denkmal für sie errichtet.
Viel von sich reden machen ist nicht Bergmanns Art. Er ist eher wortkarg.
Er liebt Frau und Kinder, und umgekehrt ist es genauso, denn jedesmal,
wenn der Vater das Haus verläßt, bangt die Familie um sein Leben.
Aber eine ist es, die hl. Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute, die
über diesen Stand wacht. Und viele Frauen und Kinder beten zu ihr
um Fürsprache und um Abwendung der Gefahr für den Vater. Am 4.
Dezember, dem Festtag der Heiligen, rückt der Bergmann in Tracht aus,
um am Gottesdienst zu Ehren der Schutzpatronin teilzunehmen.
Der Bergmann liebt seinen Beruf ebenso wie der Bauer den seinen. Beide
sind von Gottes Güte und Allmacht abhängig und daher irgendwie
vergleichbar und verwandt. Der eine wie der andere Stand vererbt den Beruf
gerne an die Kinder weiter - und keiner will Scholle und Schacht verlassen.
Es sind doch wahrlich ins Herz verpflanzte Berufe!
Wo leben die Landsleute aus Steierdorf-Anina heute, und besteht noch ein lebendiger Kontakt zu den in der Heimat Verbliebenen?
Die meisten unserer Landsleute aus Steierdorf-Anina leben heute in Westdeutschland, und zwar in größeren und kleineren Gruppen aufgeteilt, wo sie eben auf der Flucht oder unmittelbar nach dem Krieg eine ständige Bleibe fanden. Einige Familien leben in Österreich, in der Gegend von Gemunden in Oberösterreich, einige in Wien und in der Steiermark. Nach Übersee ist meines Wissens niemand ausgewandert. Der Kontakt mit den in der Heimat Verbliebenen hat sich in den letzten Jahren merklich gebessert, und es kommt nicht mehr so selten vor, daß Landsleute einen Teil ihres Urlaubs in der alten Heimat bei ihren Verwandten verbringen. Die Freude über solche Besuche ist unbeschreiblich groß! (Das war 1966.1998 haben viele keine Verwandten mehr in der alten Heimat. Anm. d. Red.)
Sie haben in Ihrem Bericht über das Treffen der Aninaer und Steierdorfer ein schönes Bekenntnis abgelegt und davon gesprochen, daß sich die Zeiten geändert haben und keine Fehdschaft mehr vorhanden sei, denn ,,die Zeit heilt Wunden", und die Steierdorfer wollten in Frieden und Freundschaft leben. Können Sie uns diese Worte noch näher erläutern?
Wir alle müssen doch mit großer Freude und Genugtuung feststellen, daß sich seit einigen Jahren die Bemühungen, vor allem in Rumänien, um gute Beziehungen mit dem Westen deutlich gezeigt haben. Horchten wir Christen in West und Ost nicht alle auf, als der unvergeßliche Papst Johannes XXIII. die Welt und damit alle Menschen, die guten Willens sind, aufrief, sich in brüderlicher Liebe zu verstehen und zu vereinigen? Mir ist es seither noch klarer geworden, daß sich die Zeiten geändert haben, daß inzwischen viele aufgerissene Wunden geheilt sind - und daß hier wie dort Haß und Feindschaft allmählich abgebaut worden sind. Sind wir doch letztlich alle Menschen, die im Grunde ein und dasselbe Ziel verfolgen: in Frieden, und wenn es dazu kommen sollte, auch in Freundschaft miteinander zu leben. Die Menschheit wäre glücklich zu preisen, wenn es dazu käme!
Der gesamte Bereich Ihres alten Heimatgebietes hat, wie man hört in den letzten Jahren starke Förderung durch staatliche Stellen erfahren, da man an der Industrialisierung des Gebietes besonders interessiert zu sein scheint. Haben Ihre in der Heimat verbliebenen Landsleute den Wunsch, nach Deutschland oder Österreich rückgeführt zu werden, oder haben sie sich mit den dortigen Verhältnissen abgefunden?
Daß unser Heimatgebiet, vor allen die Kohlenwerke in Anina und die Eisen- und Stahlindustrie in Reschitz in den letzten Jahren (gemeint sind die 50er und 60er Jahre) starke Förderung durch staatliche Stellen erfahren haben, ist wahr. Man hört, daß die Schächte besser ausgebaut und damit verbunden auch die Arbeitsverhältnisse für die Bergleute besser wurden. Auch auf dem Gebiet der sozialen Leistungen, vor allem dem Bergmann gegenüber, ist Merkliches geschehen. Vor allem erhalten sie eine ausreichende Altersrente. Reschitz ist in den letzten Jahren großartig ausgebaut worden und somit Mittelpunkt der Eisen- und Stahlindustrie Rumäniens geworden. Daß unsere unten verbliebenen Landsleute in der gut ausgebauten Industrie günstige Arbeitsplätze fanden, ist selbstverständlich. Vor allem ist es der junge Mensch, der von Staats wegen geschult und ausgebildet wurde und daher keinerlei Interesse mehr zeigt, sich umsiedeln zu lassen. Der Wunsch nach Rückführung besteht, wie man hört, nur bei älteren, schon arbeitsunfähigen Menschen, die ihren Lebensabend mit ihren im Westen lebenden Kindern verbringen möchten. (Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß Kontur die Dinge schöngeredet hat. Allerdings wurde diese Einschätzung der Lage überholt durch die politische und wirtschaftliche Entwicklung in den folgenden Jahren. Anm.d.Red.)
Wie vollzog sich Ihre Eingliederung als Lehrer im steirischen Raum?
Die Eingliederung als Lehrer im Land Steiermark vollzog sich verhältnismäßig rasch und auch günstig. Nachdem alle Prüfungsbedingungen erfüllt waren und die Staatsbürgerschaft verliehen worden war, stand einer Übernahme in den steirischen Schuldienst nichts mehr im Wege. Nunmehr darf ich auf eine Reihe sehr schöner und vor allem auch glücklicher Jahre als Lehrer steirischer Kinder, vorerst mehrere Jahre auf dem Lande und seit acht Jahren in der Landeshauptstadt Graz, zurückblicken.
Sind die heute in der Steiermark lebenden Donauschwaben bewußt in Österreich geblieben, weil sie sich hier gefühlsmäßig beheimatet fühlen, oder war es ein Zufall, daß viele ,,Donausteirer" gerade in der Steiermark Wurzeln gefaßt haben?
Wie ich schon andeutete, sind nur wenige Familien in der Steiermark
beheimatet. Die aber hier leben, sind sicherlich mit einer bestimmten Absicht
hiergeblieben und konnten daher auch weitaus eher geistig-seelisch Wurzeln
schlagen als anderswo. Wir fanden hier ähnliche Verhältnisse
vor, wie sie daheim bestanden. Sprache, Brauchtum und nicht zuletzt auch
das Bergland halfen uns über manche anfängliche Schwierigkeiten
leichter hinweg. Inzwischen sind wir ,,Steirer" geworden und sind sehr
froh, daß wir hier sind, daß uns die Steiermark so brüderlich
aufnahm - und daß wir hier als Dank für dieses schöne und
von allen Steirern geliebte Land arbeiten dürfen!